Atomkraftwerk Zwentendorf
(Exkursion der 8A und 8B)

 

Geschichte

Das inaktive Atomkraftwerk Zwentendorf in Niederösterreich wurde am 11. November 1969 von der Bundesregierung unter Kanzler Josef Klaus (1910-2001) genehmigt und am 4. April 1972 in der Ära Bruno Kreiskys zu bauen begonnen. Der geplante Siedewasserreaktor sollte ursprünglich eine Nettoleistung von 692 Megawatt in den Stromhaushalt Österreichs einspeisen, 5,2 Milliarden Schilling (1,6 Milliarden Euro) kosten und vom Unternehmen „Siemens“ als treibende Kraft erbaut werden. Mit der Fertigstellung des Atomkraftwerks in Zwentendorf stieg die Firma aus der Atomenergie aus und widmete sich fortan anderen Energiegewinnungsmethoden, die sie unterstützen wollten. Nach der Vollendung des Projekts sind mehr als eine Milliarde Euro verloren gegangen. Der Inbetriebnahme fehlte es schlussendlich lediglich eines Bescheids der damaligen Bundesregierung, um das AKW zum Laufen bringen zu können. Die Bestätigung gelangte allerdings nie ein.

Betrieben sollte das AKW von der Firma „Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld Ges.m.b.H.“ werden. Der Staat und die einzelnen Bundesländer beteiligten sich prozentuell in einem hohen Ausmaß. Mit 50% stellte der Energieversorger „Verbund“ die höchste Beteiligung dar. Auch die EVN leistete mit 10,83% einen großen Beitrag zur Finanzierung und Durchführbarkeit des Großprojekts.

Am 5. November 1978 kam es aufgrund der aufkeimenden Anti-Atomkraft-Bewegung in Österreich und zahlreiche Proteste zur ersten Volksabstimmung der Zweiten Republik, die die Inbetriebnahme des AKWs zu verhindern versuchte. Mit einem Unterschied von nicht mehr als 30.000 Stimmen setzte sich die Mehrheit, die sich für eine Stilllegung des Atomkraftwerks einsetzte, mit 50,47% durch. Doch auch politische Gründe sorgten für den plötzlichen Wandel hin zur Anti-Atombewegung. Bruno Kreisky (1911-1990) war sich siegessicher und behauptete, bei einem Ausgang der Volksabstimmung gegen das AKW sein politisches Amt niederlegen zu wollen. Sein Versprechen löste er trotz des Ausgangs der Abstimmung (gegen die Inbetriebnahme) nicht ein und blieb weiterhin Bundeskanzler der Republik Österreich.

Als Ersatzteilspender für die 2011 stillgelegten Atomkraftwerke Isar 1, Brunsbüttel und Philippsburg 1 konnte der Siedewasserreaktor des AKWs Zwentendorf verwendet werden und brachte der größten Investitionsruine Österreichs sogar noch ein paar Groschen, meist jedoch beträchtlich weniger als der Ankaufspreis. Als einzigartiger Ort bietet das nie in Betrieb genommene Atomkraftwerk in Niederösterreich die Möglichkeit, hautnah bis tief in die Welt der Atomenergie vorzudringen. Eine weltweit einmalige Chance, die auch für zahlreiche Filmkulissen genutzt wurde. Filme wie „Restrisiko“ oder „Der erste Tag“ sind hier gedreht, zahlreiche Veranstaltungen auf dem weiträumigen Gelände abgehalten worden. Aufgrund der unbenutzten Flächen, die einmalige Verbindungen zu den Hauptstromnetzen der österreichischen Nachbarn im Osten darstellen, ist die AKW-Fläche weiterhin heißbegehrt für weitere potenzielle Kraftwerke, die sich nicht der Atomenergie bedienen. Aus diesem Grund kaufte die EVN nach und nach die Anteile am AKW auf und wurde 2005 zu dessen alleinigen Besitzer. Zahlreiche Fotovoltaik-Anlagen sorgen seit Jahren schon für eine klima- und umweltneutrale Produktion der für das AKW benötigten Energie. Für unzählige Wissenschaftler: innen aus aller Welt dient das AKW darüber hinaus als Fortbildungsort, um die Praxis der Atomenergie in nächster Nähe beobachten zu können. Der Ort entspricht noch nicht den Sicherheitsanforderungen für ein herkömmliches Museum, weshalb das AKW noch nicht wahllos von Schaulustigen besucht werden kann. Bis zu 15.000 Besucher lassen sich jährlich von der Ruine in Zwentendorf verzaubern.

Physikalisches Prinzip

Erstmals von den deutschen Wissenschaftlern Hahn und Strassmann erforscht, gelang ihnen 1938 mit dem Beschuss von Uran mit Neutronen die Entdeckung des Elements Barium, für dessen Existenz und Entstehung sie keine Erklärung finden konnten. Lise Meitner und Otto Frisch lieferten ein Jahr später eine Erklärung für das eingesetzte physikalische Prinzip. Es erfolge eine Zerlegung eines schweren Atomkerns in zwei mittelschwere. Bei dem Prozess der Auftrennung entstehe aufgrund des Massendefekts eine Umwandlung von Masse in Energie, die sich produktiv nutzen lässt, ganz nach der Relativitätstheorie von Albert Einstein (1879-1955). Insbesondere das Atom „Uran“ (Isotop U-235 mit einem Anteil von 2-3% am verwendeten Brennstoff) lässt sich besonders leicht spalten. Während des Spaltungsprozesses werden bei jeder Spaltung 2-3 Neutronen ausgestoßen, die weitere Spaltungsprozesse in Gang setzen. Auf diese Weise kommt es zu einer Kettenreaktion, die kontrolliert werden muss, um nicht in einer Kernschmelze zu enden. Der Multiplikationsfaktor stellt dabei einen Richtwert dar, um die Vermehrung der Spaltungsprozesse mathematisch beschreiben zu können. k>1 bedeutet eine lawinenartige Vermehrung, die mit dem Prozess bei der Explosion einer Atombombe gleichzusetzen wäre. Unter k=1 hingegen wird eine vollständige Kontrolle des Prozesses der Kernspaltung verstanden.

Mit dem „Manhattan“-Projekt sind Kernreaktoren erst 1943 entstanden und konnten sich ziemlich schnell durchsetzen. Zu Jahresbeginn 2019 gab es weltweit in 31 Staaten 453 Reaktoren, die in Betrieb waren. Am globalen Stromverbrauch leistet die Atomenergie mit ungefähr 11%, bedenkt man deren Gefahren für die Menschen, doch einen relativ großen Beitrag. Vor allem in Bezug auf die menschliche Gesundheit und den Umweltgedanken äußern viele Bedenken in Bezug auf die Energiegewinnung aus Atomenergie. Die Verschmutzung der naheliegenden Umwelt durch radioaktiven Abfall und die Gefahr eines zweiten Tschernobyls (1989) lassen viele Länder in Europa wach werden und deren Einsatz von AKWs bedenken. Die meisten radioaktiven Stoffe müssen nämlich mindestens 25.000 Jahre abgesondert aufbewahrt werden. Durch hohe Sicherheitsvorkehrungen lässt sich allerdings die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze massiv verringern. Eine ständige Kontrolle der Anlage, eine passende Lagerung der kontaminierten Stoffe und zeitgerechte Abschaltungen bei Störfällen diminuieren die Gefahr für die Menschen, mit den produzierten radioaktiven Stoffen jemals in Kontakt zu kommen. Bislang sind uns vor allem drei Störfälle bekannt, die der Bevölkerung gefährlich wurden: Harrisburg (USA, 1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011).

Ausstattung

Die Lage des Atomkraftwerks wurde wegen der Nähe zur Donau gezielt gewählt, insofern es immer einer Kühlung durch Wasser bedarf. Der typische Kühlturm eines Atomkraftwerks ist normalerweise hohl und beinhaltet, bei keiner vorhandenen Nähe zu einem Fluss, die notwendige Menge Wasser in einem Kühlbecken. Im Falle Zwentendorfs wurde daher kein solcher Turm benötigt.

Die Regelstäbe, die es in einem Atomkraftwerk benötigt, sind rechts abgebildet und dienen der Regelung und Abschaltung eines Kernreaktors. Sie können je nach Bedarf heraus- und hineingezogen werden. Durch das vollständige Einfahren der Steuerstäbe kann die Kettenreaktion völlig unterbunden, der Reaktor also abgeschaltet werden.

Im AKW Zwentendorf wurde der Kernreaktor vollkommen geöffnet, sodass einem der Blick ins Innere des Kerns ermöglicht wird und man mehrere dutzende Meter in die Tiefe herabblicken kann, vorausgesetzt, man befindet sich auf dem „Aussichtsturm“. Der luftdicht abgeschlossene Raum, der im Normalbetrieb mit Wasser zu Kühlungszwecken befüllt wäre, ist in Zwentendorf aufgemacht und begehbar gemacht worden, um die Möglichkeit zu schaffen, einzigartige Blicke ins Innere werfen zu können und um die Gerüchteküche um eine mögliche Inbetriebnahme des Atomkraftwerks seitens der EVN zu beseitigen. Eine Reparatur des zerstörten Raumes käme den Kosten für einen neuen Kernreaktor gleich und würde sich finanziell nicht lohnen. Der TÜV würde eine potenziell erfolgende Benutzung der Anlage zu Energiegewinnungszwecken außerdem nie mehr zustimmen. Das AKW bleibt folglich vermutlich für immer stillgelegt und maximal als Museum nutzbar.

Der Kontrollraum des Atomkraftwerks, dessen Ort durch keinerlei Hinweistafeln im AKW preisgegeben werden darf, befindet sich in Zwentendorf in einem Nebengebäude. Zu Beginn des AKWs gab es unzählige Diskussionen über die Wahl der Fenster, insofern es Attentäter: innen ein Leichtes gewesen wäre, mit Scharfschutzgewähren die Personen im Kontrollraum zu liquidieren. Der Raum, in dem das AKW kontrolliert werden würde, wäre mit einem roten Telefon direkt mit dem Bundeskanzleramt in Wien verbunden gewesen.

Das Atomkraftwerk in Zwentendorf hätte darüber hinaus ein „Containment“ besessen und damit höhere Sicherheitsstandards gewährleisten können als die AKWs ehemaliger Ostblock-Staaten. Zum Beispiel besitzt das als „gefährlichstes Atomkraftwerk Europas“ geltende AKW Mochovce in der Slowakei keine derartige Sicherheitseinrichtung um den Reaktorkern herum. Bei einer Explosion des Kernreaktors käme es folglich zu einem unvorstellbaren Fallout und demnach zu einer massiven Verschmutzung der Umwelt durch radioaktive Stoffe und einer enormen gesundheitlichen Belastung der Bevölkerung Europas (je nach Windrichtung). Jene als gefährlich eingestuften Atomkraftwerke besitzen meist nur ein „Confinement“ und weisen daher massive Sicherheitsmängel auf.

Weitere Gefahren

Die Gefahr eines europaweiten „Black-Outs“, eines plötzlichen, überregionalen Stromausfalls großer Stromnetze, der zu einem bürgerkriegsähnlichen Chaos resultieren würde, ist auch mit den unzähligen Atomkraftwerken Europas gegeben. Die unbedingte Versorgung der AKWs mit elektrischer Energie muss nämlich ebenso während einer solchen Krise gewährleistet werden können. Kommt es zu solch einem Vorfall und die Versorgung der Atomkraftwerke mit Energie kann nicht gesichert werden, so würde die Gefahr von Kernschmelzen drastisch ansteigen.

Unsere Meinung

Wir sind der festen Überzeugung, dass praxisorientierte Exkursionen essenziell sind, um die theoretischen Lehren des Unterrichts verstehen zu können. Aufgrund der hitzigen Debatten um die Atomenergie ist es unerlässlich, in seinem Leben einmal in Zwentendorf gewesen zu sein. Die Vorfreude auf den Ausflug wurde nicht enttäuscht und konnte mit der exzellenten Führung des „tour-guides“ gesättigt werden.

Nina Kiss und Lukas Müllner, 8B


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